# Kunstgeschichte Die Kunstgeschichte, veraltet auch Kunsthistorik, oder Kunstwissenschaft, ist die Wissenschaft von der historischen Entwicklung der bildenden Künste und ihrer ikonographischen, ikonologischen wie auch materiellen Bestimmung. Sie untersucht und beschreibt ebenso die kulturelle Funktion der Kunst hinsichtlich ihrer künstlerisch-anschaulichen Gegebenheiten, wie auch den Schaffensprozess von Künstlern. ##Gegenstände und Ziele Die Geschichte der Bildenden Kunst vollzieht sich durch die Veränderung der gesellschaftlichen Funktion und Stellung der Kunst, der theoretischen Auffassung über sie sowie durch die Entwicklung der Kunstformen und Stilrichtungen. Ziel des Faches Kunstgeschichte ist es, die künstlerischen Objekte nach ihren Inhalten zu befragen (Ikonographie), ihre formale Gestaltung zu bestimmen, die Werke in Raum und Zeit einzuordnen und ihrer Rezeption nachzugehen; dabei werden einerseits stilistische Zusammenhänge besprochen, andererseits wird versucht, den historischen Kontext als Voraussetzung eines Kunstwerks zu verstehen oder ihn zum Verständnis des Werks miteinzubeziehen. Im Gegensatz zur Kunstkritik wählt sich die Kunstgeschichte in der Regel historische Gegenstände oder versucht zumindest sich zeitgenössischen Themen mit einer wissenschaftlich abgesicherten, methodisch definierten Herangehensweise zu nähern. Dabei wird anerkannt, dass (wissenschaftliche) Rezeption und Interpretation selbst zeitgebundene Handlungen sind. Johann Joachim Winckelmann, Porträt von Anton von Maron, 1768 Die klassischen Untersuchungsobjekte der Kunstgeschichte sind europäische und vorderasiatische Werke der Malerei und Grafik, Bildhauerei und Baukunst in der Zeit vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. Seit ungefähr der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden auch Gegenstände aus den Kirchenschätzen, die sog. Kleinkunst, analysiert. Die Vor- und Frühgeschichte behandelt (auch) die künstlerische Entwicklung vor dem Auftauchen der Schrift. Die Archäologie und die Ägyptologie behandeln (auch) die künstlerische Entwicklung der frühen Hochkulturen des Mittelmeerraumes. Die Kunstgeschichte widmet sich der Erforschung der historischen Entwicklung der europäischen Kunst ab dem Zeitpunkt, an dem das Christentum im 4. Jahrhundert im Römischen Reich Staatsreligion wird. In der Gegenwart erweitert sich das untersuchte Gebiet auf die kulturellen Einflusszonen der sogenannten westlichen Hemisphäre, also etwa auch Amerika oder die zeitgenössischen Künstler weltweit, die am Kunstmarkt teilnehmen. Die Architekturgeschichte wird nicht selten von der Kunstgeschichte berührt, obwohl sie im Kern heute zu den Kulturwissenschaften zu zählen ist. Jedoch kommt kaum eine allgemeine Kunstgeschichtsschreibung ohne die Erwähnung der Architekturgeschichte aus. Die Kunst nichteuropäischer Kulturen und Länder wird außerhalb dieser Länder in den jeweiligen Landeskunden (Sinologie, Arabistik, Afrikanistik etc.) miterforscht oder in übergreifenden Disziplinen wie der Ethnologie. Die Kunstgeschichte öffnete sich seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (siehe Carl Einstein, Leo Frobenius) auch anderen Kulturkreisen, etwa der Afrikanischen oder Asiatischen Kunstgeschichte. Darüber hinaus werden neue Darstellungsformen wie Fotografie, Medienkunst und Gattungen, Kunstgewerbe, Design untersucht. Jüngste Entwicklungen sehen in der Kunstgeschichte auch eine Bildwissenschaft, die – unabhängig vom Kunstcharakter eines Bildes – Funktionen und Entwicklungen analysiert (vgl. z. B. auch Game Studies). ##Geschichte der Kunstwissenschaft Die Begriffe Kunstgeschichte oder Kunstwissenschaft sind eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts und gehen auf Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) zurück, der in seinen Werken zur Kunst der Antike erstmals genauere stilgeschichtliche Untersuchungen unternommen hat. Als erster deutscher Kunsthistoriker, der auch gemalt hat, kann wohl Joachim von Sandrart genannt werden, der in seinem 1679 erschienenen theoretischen Hauptwerk über die Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild und Mahlerey-Künste erstmals über deutsche Künstler und Kunststile geschrieben hat. Im ausgehenden 18. Jahrhundert legte Fiorillo an der Universität Göttingen die Grundlagen für die Kunstgeschichte als akademisches Fach. Die zweite Anregung brachte die Kunsttheorie, allen voran Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Johann Gottfried Herder sowie die Romantik. Grundlagen für die Kunstwissenschaft legten Karl Friedrich von Rumohr und Gustav Friedrich Waagen. Als Fachwissenschaft begründet wurde sie zum einen von Historikern wie Jacob Burckhardt, Herman Grimm und Carl Justi, die die Kunst in den allgemeinen Rahmen der Kulturgeschichte einbezogen. Zum zweiten durch die beginnende antiquarische Sichtung und Ordnung der überlieferten Kunstwerke, die eng mit dem Kunstsammeln verbunden war. Aus ihr entstanden die positivistische und kennerschaftliche Kunstgeschichte (Giovanni Morelli, Gottfried Semper). Eine dritte Wurzel der Kunstgeschichte kam aus der Philosophie und Ästhetik, vertreten durch Heinrich Gustav Hotho, Karl Schnaase; auch viele spätere Kunsthistoriker studierten Kunstgeschichte und Philosophie (Heinrich Wölfflin). ###Kunstbetrachtung in der Antike Von einer eigenständigen Disziplin Kunstgeschichte lässt sich erst seit dem 19. Jahrhundert sprechen. Bei vorhergehenden Schriften handelte es sich meist um Kunstbetrachtung und biographische Beschreibungen. Die Entwicklung dorthin bereiteten Traktate verfassende und schriftstellernde Künstler, Kunstschriftsteller, Philosophen und Kunstkritiker vor. Bereits in der Antike entstehen Texte über Kunst, die allerdings wie bei Lukian Kunstwerke in synästhetischer Form von Ekphrasen beschreiben, oder wie bei Plinius dem Ältern Kunstgeschichte als Teil eines allgemeinen Gesamtwerkes (Plinius d. Ä.:Naturalis historia (Geschichte der Natur)) abhandeln. In ähnlicher Weise als Teil eines größeren Werkes über ein anderes Thema (Architektur) beschäftigte sich Vitruv in seinen zwischen 33 und 22 v. Chr. entstandenen 10 Büchern über die Architektur mit der Kunst, in denen er zum Schluss kommt, dass die Architektur ein Primat über die Gattungen der bildenden Kunst habe. Während das Werk zu seiner Zeit und in den folgenden Jahrhunderten wenig Aufsehen erregte, änderte sich das in der Renaissance, in denen Vitruvs Theorien bedeutende Künstler wie Albrecht Dürer und Leonardo Da Vinci zu Skizzen inspirierten. Dessen Illustration „Der vitruvianische Mensch“ gilt als eines der bekanntesten Werke der Kunst und begründete Vitruvs späten Ruhm. ###Kunstbetrachtung in der Renaissance Diese Praxis wird erst wieder in der Renaissance von einem Autor aufgegriffen, der mit Leonardo da Vinci eine außerordentliche Breite des wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigungsfeldes gemein hatte: Giorgio Vasari. Der 1511 geborene († 1574) Architekt, Hofmaler der Medici und gleichzeitig als Biograf zeitgenössischer florentinischer Künstler tätige Schriftsteller war einer der ersten systematisch vorgehenden Kunsthistoriker. Die Kreativität seiner anderen Berufe bewies er auch als Autor: Mit der „Gotik“, die er als Anhänger der antiken Kunst als barbarisch (ital.: gotico) empfand und der „Renaissance“ erfand er Schlüsselbegriffe, die bis heute die Kunstgeschichte prägen. Sein Werk „Le Vite de’ più eccellenti Architetti, Pittori et Scultori italiani, da Cimabue insino a’ tempi nostri“ (Die Lebensbeschreibungen der hervorragendsten italienischen Architekten, Maler und Bildhauer, von Cimabue bis in unsere Zeit) erschien 1550.[1] Eine zweite, stark veränderte Auflage mit weiteren Künstlerbeschreibungen von Leon Battista Alberti, Albrecht Dürer, Andrea Palladio u. a. erschien im Jahre 1568. In diesen Auflagen wurden erstmals die wichtigsten Künstler einer Epoche in einem Werk zusammengefasst, – zum Teil vergleichend – beschrieben und in ihrer Bedeutung eingeordnet. Im 1604 erschienenen Werk Schilder-Boeck führte der Holländer Karel van Mander diese Tradition weiter. Auch van Mander war von Haus aus Maler und Lehrer so bekannter Künstler wie Frans Hals, bevor er sich als Verfasser kunsthistorischer Schriften betätigte. Sein dreiteiliges „Maler-Buch“ war die erste nördlich der Alpen erschienene kunsttheoretische Schrift und befasste sich im ersten Teil mit den Grundlagen der Kunst, im zweiten mit Biographien verschiedener antiker Maler und bekannter italienischer Maler und im dritten mit in der niederländischen Malerei verwandten mythologischen Textquellen.